Fachwerk – nachzimmern

Die Fachwerkkunde ist offensichtlich voller Fallstricke. Das suggerieren Briefe zu unserem letzten Heft. Ein Betrachter hat dabei bemerkt, dass es sich bei einem Bild zum Humpisquartier um keinen „Schwäbischen Mann“ handle, sondern nur um ein „Schwäbisches Kindle“ und vervollständigt die Familie noch um das „Schwäbische Weible“. Demnach kreuzen sich beim „Mann“ die stabilisierenden schrägen Streben in der Mitte des stockwerkhohen „Ständers“. Besonders kräftige „Männer“ haben dabei oben und unten Parallelstreben (unser Bild aus dem Versammlungssaal im Alten Esslinger Rathaus). Beim „Weible“ indes lassen die Streben eine deutliche „Taille“ frei und beim „Kindle“ halten nur noch Fußstützen, so genannte Bänder, den Ständer fest. Zu dieser Schwabenfamilie gibt es auch noch „Fränkische“ und „Wilde Männer“.

In der hohen Hauskunde gilt das alles als „unwissenschaftlich“, obwohl diese Begriffe doch im Wortsinne Hand und Fuß haben. Aber nicht nur die bildhafte, auch die regionaltypische Fachwerk-Zuordnung wird als obsolet geführt, wie uns ein ebenso prominenter wie fachkundiger Briefschreiber belehrt. Schwäbische oder etwa fränkische Figuren kämen nämlich auch in anderen Gegenden vor. Regionale Zuordnungen erinnerten deshalb eher an „völkische“ Betrachtungsweisen. Die sind uns naturgemäß wesensfremd! Aber wir werden bei unseren Architekturausflügen durch den Südwesten nunmehr eifrig darauf achten, wo wir in Oberschwaben mit seinem notorisch kargen Fachwerk einen „Fränkischen Feuerbock“ finden, respektive, in hausforschungsgemäßer „Correctness“, ein „geschweiftes Andreaskreuz mit Nasen“.

Eine notwendige Richtigstellung übernehmen wir allerdings gern: Der Marburger Fachwerkkundler Carl Schäfer hat sein bedeutendes Werk zur Holzbaukunst um 1890 vorgelegt und nicht schon 1830. Damals, um 1830, begann nämlich erst im Rahmen der Marburger Romantik auch die Beschäftigung mit spätmittelalterlichem Fachwerk.

(Denkmalstimme_3_2008)

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