Stuttgart/Dörzbach – Von einst drei Toren der Gemeinde Dörzbach ist nur noch das Untere Tor erhalten. Bei der Sanierung zu Wohnzwecken fand sich im Haus ein vergessenes jüdisches Frauenbad für rituelle Waschungen, eine Mikwe. Die Denkmalstiftung Baden-Württemberg hat zunächst die Instandsetzung des Gebäudes mit 35.000 Euro gefördert und für einen zweiten Bauabschnitt inklusive Restaurierung der Mikwe weitere 5.350 Euro Zuschuss vergeben.

Das Gebäude Unteres Tor, im Ort auch als Gerbertor oder Klepsauer Tor bekannt, hat im Erdgeschoss eine Durchfahrt. Durch sie führte einst die alte Klepsauer Straße nach Dörzbach hinein. Als die Mikwe im Keller eingerichtet wurde, war das Haus zuvor schon in zwei Wohnungen aufgeteilt worden, die unterschiedlichen Eigentümern gehörten. Erbaut worden war das Torhaus allerdings bereits 1665, wie sich früheren Eckständern entnehmen lässt. In ihnen war „Herr Johan Christoff Von Eib“ samt Wappen verewigt. Dabei handelte es sich um die damalige Ortsherrschaft, die das Haus gemeinsam mit der Gemeinde errichten ließ. Der Name „Gerbertor“ geht wohl auf einen späteren Eigentümer dieses Namens zurück und nicht auf eine entsprechende Nutzung.

Eine Mikwe, auch Mikwa genannt, gilt im traditionellen Judentum als Quelle der Reinheit. Dabei handelt es sich um ein Tauchbad, das sich aus natürlichem fließendem Wasser speisen muss. Beim Besuch der Mikwe findet durch dreimaliges Untertauchen eine symbolische Reinwaschung statt. Eine solche Frauen-Mikwe befand sich im Unteren Tor in Dörzbach, dessen Untergeschoss die jüdische Gemeinde 1834 zu diesem Zweck erworben hatte. Gespeist wurde das Bad laut mündlicher Überlieferung aus dem am Haus vorbeifließenden Goldbach.

Im Jahr 1907 wurde die Mikwe aufgegeben. Das ehemalige Frauenbad wurde daraufhin durch das Einziehen einer Zwischendecke in einen ebenerdigen Erdgeschossraum und einen Kriechkeller aufgeteilt. Der heutige Eigentümer hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Zuge der Sanierung des Gebäudes auch verbliebene Spuren der Mikwe wieder ans Licht zu holen. Bei Erkundungen in Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege kam das von einem Holzrahmen eingefasste Becken mit sieben Holzstufen zum Vorschein. Der Bauherr möchte diesen Raum als jüdischen Gedenkort sichern und öffentlich zugänglich machen.

„Dieses bürgerschaftliche Engagement für den Erhalt eines Kulturdenkmals mit bauhistorischer, kultur- und religionsgeschichtlicher Bedeutung ist umso bemerkenswerter, als bereits die Sicherung und Sanierung des übrigen Gebäudes mit erheblichen Kosten verbunden war“, sagt Dr. Stefan Köhler, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Denkmalstiftung Baden-Württemberg. Eine Refinanzierung dieser Investitionen durch die vorgesehene Vermietung der beiden Wohnungen ist nicht möglich – auch weil die erforderlichen Zimmererarbeiten an dem stark geschädigten Tragwerk zu einer massiven Kostensteigerung geführt haben.

„Besonders hervorzuheben ist, dass dieses Projekt auch der Öffentlichkeit zugutekommt“, so Köhler weiter. „Wir wünschen uns eine Vorbildwirkung und öffentliche Strahlkraft für ein solches Engagement.“

Denkmalstiftung Baden-Württemberg

Nach ihrem Motto „Bürger retten Denkmale“ fördert die Denkmalstiftung Baden-Württemberg seit nunmehr über 40 Jahren insbesondere private Initiativen und gemeinnützige Bürgeraktionen, die sich für den Erhalt von Kulturdenkmalen im Land engagieren. 14 Projekte hat die Stiftung bürgerlichen Rechts in diesem Jahr bereits unterstützt, weitere Anträge liegen vor.

Seit ihrer Gründung 1985 hat sie weit über 1.700 Vorhaben mit mehr als 71 Millionen Euro gefördert, um Baudenkmale vor dem Verfall zu retten. Zwei Drittel davon waren Anträge von Privaten, Fördervereinen und Bürgerinitiativen. Möglich war dies, weil sie neben den Erträgen aus dem Stiftungskapital auch erhebliche Mittel aus der Lotterie GlücksSpirale erhält. Für die Förderung und die Öffentlichkeitsarbeit zum Denkmalschutz bleibt die Denkmalstiftung Baden-Württemberg aber mehr denn je auf großzügige Spenden angewiesen.